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Sehr geehrter Herr Bundeskanzler-Anwärter …

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler-Anwärter Sebastian Kurz,

sehr geehrter Herr Vize-Bundeskanzler-Anwärter Heinz-Christian Strache,

ich hätte im Zusammenhang Ihres bevorstehenden patriarchalischen Programmes für das neue Österreich eine einzige Frage an Sie: erstmal möchte ich zu meiner Person höflichst sagen: männlich, 176 cm groß, 84 Kilo schwer, dunkelbraune Haare, bunter Bart, helle Hautfarbe, grüne Augen, seit mehr als 31 Jahren ist Wien meine Wahlheimat, unbescholten, 27 Jahre aktive Arbeitszeit, Nichtraucher, Nichttrinker, gute Deutsch-Kenntnisse in Wort und Schrift, gute Amtsdeutsch-Kenntnisse in Wort und Schrift, aber auch sehr gute Deitsch-Kenntnisse.

Mein Stolz in allen diesen Jahren ist, dass ich mehr als 15 Menschen zum akademischen Grad verholfen habe.

Ich habe aber einen Haken, nämlich bin ich nicht irgendwo in Österreich, sondern in Djalilabad geboren. Noch dazu bin ich ein Moslem. Ja, ich bin erst mit 28 Jahren als politischer Flüchtling in Wien angekommen. Während des Deutschkurses, den ich sehr schnell bekam, und zwar nach nur einer Woche, habe ich fast jeden Menschen wo auch immer anquatschen können. Ich fragte sie nach einem Wort, nach einem Satz oder ähnlichem. Manchmal haben die Menschen mehr angeboten und wir führten ein längeres Gespräch. Manche haben mich sogar korrigiert. Nach nur 6 Monaten habe ich kaum mehr Dolmetscher gebraucht, überall und immer war ich allein unterwegs. Bitte nicht missverstehen, wenn ich irgendwo vorsprechen musste, dann war ich allein. Also ohne Dolmetscher. Natürlich gab es da und dort auch Probleme, die aber sehr schnell geklärt und beseitigt waren.

Ich fand auch sehr schnell eine Arbeitsstelle bei Herrn Norbert W. in 1050 Wien. In der Arbeit lernte ich Claudia O. (inzwischen Frau Magistra) kennen und nach einigen Wochen waren wir, Claudia, ihr Freund Albert (inzwischen Herr Doktor) und ich, Freunde.

So ist es weitergegangen, sodass ich nach kurzer Zeit mehr Österreicher kannte als meine Landsleute. Neben der Arbeit bin ich auch oft wandern gegangen, Rad gefahren … Wie gesagt, immer fand ich einen Draht, um die Menschen anquatschen zu können. Manche fanden mich und mein Leben interessant und sie wollten noch mehr wissen und manche weniger. Vielleicht fanden mich manche auch komisch bis sehr komisch, aber es war alles im Rahmen.

Ach, leider ist es nicht so geblieben wie es war. Seit Anfang der 90er ist langsam, aber stetig alles anders geworden, nämlich schlechter, nochmals schlechter und wieder schlechter bis es unerträglich geworden ist. Sodass ich jetzt nach 31 Jahren, die Tage zu meiner Pensionierung zähle, dass ich wieder nach Djalilabad zurück kehren kann.

Sie werden als Politiker die Nachrichten und die jüngste Geschichte, speziell deren inländischen Teil, sehr gut verfolgen und sich damit auseinander setzen. Sie können sich sicherlich daran erinnern oder Sie haben es in der Schule gelernt, dass sich die Österreicher in jedem Alter immer gesetzestreu verhielten. Die Österreicher haben nie Asylquartiere in Brand gesetzt, sie haben keine Fremden angegriffen bzw. Selbstjustiz betrieben, haben nie am Spielplatz spielende Kinder mit dem Luftgewehr angeschossen, haben nie jährlich mehr als 1.500 Angriffe, verbal oder physisch, auf nicht Dargebotene ausgeübt Wissen Sie vielleicht, warum es jetzt anders geworden ist?

Was ist aus den Österreichern, die am Südbahnhof mit Blumen die Neuankömmlinge empfingen, geworden? Sind die Österreicher einfach anders geworden? Wieso werden immer mehr die nicht Dageborenen für alle Missstände in diesem Land verantwortlich gemacht? Wie und was können ein paar tausend Gastarbeiter, die das Land ohne wenn und aber benötigt, mit Eurofighter-Beschaffung und -Verschaffung, Hypo- und Buwog-Affäre, Ausverkauf des Landes, zu tun haben?

Welche negative Rolle spielen diese Ausländer dabei, wenn die großen Unternehmer, die kleinen überrollen? Welchen Einfluss haben diese Leute an Umweltsünden der Großindustrie und Klimawandel? Und zwar weltweit …

Können alle diese Verhaltensänderungen der Österreicher unter anderem mit den immer wiederkehrenden Wahlsprüchen Ihrer Parteien zu tun haben? Die irgendwie die Menschen in der Gesellschaft tief spaltet und gegeneinander stellt? Genügt es nicht, dass sich die Gesellschaft, dank Turbokapitalismus, immer schneller in Reiche und Arme spaltet? Muss zusätzlich die Gesellschaft auch in Aus- und Inländer gespaltet werden?

Wem würde das helfen? Familien? Alleinstehenden Müttern? Bauern? Arbeitnehmern? Kleinen Unternehmern? Selbstständigen? Behinderten? Pflegebedürftigen? Obdachlosen? Der Umwelt? Dem CO2-Ausstoß? Der Wald-Zerstörung? 

Na ja, beinahe habe ich vergessen: Eigentlich wollte ich nur fragen: Wie lange bleibe ich noch Ausländer?

(Veröffentlicht im Asyl 2-2017)

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